
Nicht vor Durst offenbarte Ingmar Bergman etwas von seiner Begabung in der Filmkunst und dem tiefen Verständnis der menschlichen Seele, für das er jetzt so verehrt wird. Es war sein siebenter Film nach einer Reihe uninspirierter Melodramen and dürftig akzeptierter experimenteller Arbeiten. In diesem Sinne ist Durst auch nicht ein außergewöhnlich guter Film, aber er ist, bezeichnenderweise, der erste, der unverkennbar formal und inhaltlich Bergman'sche Züge trägt.
In dieser kompromisslosen, halbseidenen Darstellung einer gefährdeten Ehe gibt es deutliche Hinweise zu Bergmans späteren Filmen, insbesondere Die Zeit mit Monika (1953), Lektion in Liebe (1954) und Szenen einer Ehe (1973). Die Geschichte wird vornehmlich aus der Perspektive einer zunächst gefestigt wirkenden, jungen Frau erzählt. Hier ist Rut, wunderbar gespielt von Eva Henning, die wohlbekannte Bergman Heldin - das Opfer, das vom Schicksal des Lebens gekennzeichnet ist und sich eine außerordentliche Unverwüstlichkeit angeeignet hat. Viola (Birgit Tengroth, deren Kurzgeschichten-Sammlung Durst als Vorlage diente), die ehemalige Geliebte von Ruts Mann Bertil (Birger Malmsten), ist das verletzliche Gegenüber; ihre Schicksalsschläge wiegen schwerer auf ihr, führen zu einem mentalen Zusammenbruch und zerrütten sie letztendlich. Zusammen bilden Rut und Viola die klassische Bergman Paarung zweier Gegensätze: Die erste verkörpert Hoffnung und Leben, die zweite Verzweiflung und Tod. Die Komplexität der Gefühle.
In der Erzählweise und in der technischen Ausführung ist Ingmar Bergman mit Durst weitaus abenteuerlicher und sicherer als in seinen vorangegangen Arbeiten. Die elliptische Schilderung der Geschichte und die überzeugenden Charaktere machen den Film durchaus zu einem anregenden Erlebnis. Jedoch sind die einzelnen Handlungsstränge nicht sonderlich gut zusammengefügt und bleiben zum Teil zum Ende hin ziemlich unausgegoren. Die Überleitung von der Rut-Bertil Geschichte zu Violas Geschichte wirkt sehr plump und es scheint, als ob zwei Kurzfilme einfach zufällig zusammengeschnitten worden sind. Violas Erzählung hat zwar ein oder zwei brillante Momente, aber inhaltlich im großen und ganzen wenig zu bieten. Unvergesslich dagegen sind die Szenen, in denen Rut und Bertil mit dem Zug durch das kriegszerstörte Deutschland fahren - die Trostlosigkeit, die sie sehen, bietet ein schlichtes Pendant zum Stand ihrer eigenen langsam schwindenen Ehe, was beiden wohl hoffentlich die Augen öffnet und sie zum Arbeiten an ihrer Beziehung zwingt.
Wie in fast allen seiner Filme, lässt Bergman seine eigenen persönlichen Erfahrungen in die Geschichte einfließen - und kein anderer Regisseur musste sich mit so vielen privaten Turbulenzen herumschlagen. Das letzte Gespräch zwischen Bertil und Rut fasst die Beziehung beider Geschlechter zueinander sehr prägnant zusammen: Frau und Mann mögen für immer durch ein Meer von Tränen getrennt sein, aber ein gemeinsames Leben ist die Art von Hölle, die der Hölle des Getrenntseins vorzuziehen ist. In diesem Sinne, es lebe die Ehe!
(8/10)
Nr. 7 von 1949, zwischen "Bitterer Reis" und "Rotation"; 20. Bergman Film


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